Nach Jahren mehr oder weniger großer Langeweile (Sie wissen schon, hier mal Speicher mehr, hier mal mehr Pixel) rennt aktuell die Entwicklung selbst die Hersteller über den Haufen. Ausgelöst durch filmende Foto-Kameras und den neuen 3D-Standard müssen Entwickler plötzlich umdenken, verloren geglaubte Begriffe wie Tiefenschärfe, Wechseloptik, Lichtempfindlichkeit oder Weitwinkel sind plötzlich wieder genauso selbstverständlich in aller Munde wie neueste Technik á la Konvergenzpunkt-Einstellung, Parallaxenkorrektur oder Multiview-Coding.
Dass man dafür auch im Bereich Ausstattung und Bedienung neue Wege gehen kann oder manchmal sogar muss, ist den meisten Entwicklern klar, wie das aussehen soll dagegen weniger. Bei Sony stellten wir zum Beispiel mit Verwunderung fest, dass eine wundervoll durchdachte und selbst für Anfänger verständliche Einstellung „Mehr Schärfentiefe weniger Schärfentiefe“ gerademal ein Modell überlebt hat (Seite 20). Dabei ist der Ansatz von Aufgaben-orientierter Bedienung bei Betriebssystemen gerade der letzte Schrei, Kamera-Hersteller arbeiten wohl noch nicht mit Windows7? Für die neue Lösung musste ich trotz langjähriger Kamera- und Test-Erfahrung tatsächlich erst ins Handbuch schauen.
JVCs Kombi-Gerät löste ähnliches Kopfschütteln aus: Warum verbaut man eine exzellente Chip-Technologie aus einem Camcorder-Gehäuse in einen Foto-Body (Seite 18)? Wohlgemerkt ohne Foto-typische Vorteile wie die deutlich bessere Objektiv-Technik zu integrieren? Die GC-PX10 mit einem doppelt so großem Sensor und ein bisschen mehr Logik in der Bedienung wäre ein Hammer gewesen, am besten mit 700 Euro gegen Sonys NEX-5 positioniert!
Panasonic setzt dagegen mehr auf Tradition und fährt damit erstmal gut. Aber auch hier probiert man bereits neue Konzepte, doch eher auf wirtschaftlicher Ebene. Die neue Zusammenarbeit von Consumer- und Profi-Technik erleben wir hoffentlich noch häufiger, damit es noch mehr Dinge gibt, die begeistern. Denn davon haben wir in den letzten Monaten durchaus eine Menge gefunden: Einen echten 35-mm-Sensor gibt es schon in zwei Kameras, eine dritte kommt jetzt dazu. Die Skalierungstechnik ist so ausgereift, dass man eine Kamera gleichzeitig für 8k, 4k, 2k und Full-HD bauen könnte. Optiken werden per Elektronik bis zur Perfektion korrigiert und sind bis zu einer Anfangblende von F 1.2 erhältlich. Und bereits unter 3500 Euro gibt es Camcorder, die in der Ausstattung nahezu komplett sind.
Jetzt wird es nur noch Zeit, dass diese Dinge zusammenwachsen: Welcher Hersteller hat Lust, den Sensor der NEX-VG20 mit der Bildverarbeitung der GC-PX10 in das Gehäuse der HDC-Z10000 zu bauen? Vielleicht noch mit der Objektivkorrektur der HDR-CX700, der Slomo einer PMW-EX1R, einer 4k-Aufzeichnung in 36 Mbit/s á la GC-PX10 und einer parallelen 3D-Auslesemöglichkeit der HDC-SDT750?
Liebe Hersteller, habt den Mut und probiert es aus, auch wenn nicht alles beim ersten Mal klappt und vielleicht von uns Testern mit Kopfschütteln bedacht wird! Denn eines bemerken wir immer: Wenn jemand den Mut hat, neue Wege zu gehen. Und wir freuen uns, dieses Kompliment derzeit vielen Herstellern machen zu können. Neue Konzepte entstehen nur, wenn sie jemand erfindet!
Aus: Ausgabe 1-2/2012 von Videokamera objektiv. Hefte im Pressefachhandel oder zu bestellen im Abonnement oder als Probeheft (siehe linke Spalte).
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